Hier stellen wir Frauen vor, die teilweise mit Dossiers im Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte vertreten sind.
Weitere Porträts von Ostschweizerinnen sind im Buch «blütenweiss bis rabenschwarz» zu finden.
 
Susi Haefelin-Schutz (1901–1990)
Eugénie Meyer-Perlmann (1905–1974)
Marguerite Müller-Henrici (1885–1975)
Franziska Aloisia Ochsner (1827–1896)
 
 
 
Als Arbeits- und Hauswirtschaftslehrerin unterrichtete Helene Fuchs Handarbeit, Hauswirtschaft, Turnen und Kochen an der Unter-, Mittel- und Abschlussstufe und schliesslich an der Übungsschule des Arbeits- und Hauswirtschaftslehrerinnen-Seminars. Im Berufsverband der Lehrerinnen für Handarbeit fiel ihre zielbewusste Energie bald auf, sie präsidierte schon mit 30 Jahren (1945 eine absolute Seltenheit!) den städtischen, später den kantonalen Arbeitslehrerinnenverein und vertrat ihre Kolleginnen im Zentralvorstand des schweizerischen Arbeitslehrerinnenvereins. Politisch der FDP angehörend, erkämpfte Helene Fuchs die Lohngleichheit der Arbeitslehrerin mit der Primarlehrerin, setzte sich erfolgreich für die vierjährige Seminarausbildung der Arbeitslehrerinnen ein, arbeitete in Kommissionen des Erziehungsrats, in Lehrplankommissionen und in der Frauenzentrale. Dass Frau und Mann gleichwertig seien, war für sie selbstverständlich, deshalb treffen wir sie während Jahrzehnten auch als überzeugtes Vorstandsmitglied des Frauenstimmrechtsvereins St. Gallen an. Bei einem derart ausgedehnten Tätigkeitspensum stellt frau sich wohl eine sehr ernste Person vor. Weit daneben! Helene Fuchs war eine wirkliche Frohnatur, konnte kontaktfreudig auf andere Menschen zugehen und mit ihnen zusammenarbeiten. Sie lachte viel und packte ihre zahlreichen Aufgaben optimistisch und entschlossen an. Sie unternahm weite Reisen, die sie bis nach Indien oder in den Nahen Osten führten und die sie gründlich vorbereitete. (Verfasserin: Alexa Lindner Margadant)
Susi Haefelin-Schutz (1901–1990)
Susi Haefelin wuchs in Bremen und Berlin auf. Dort begegnete sie Rosa Luxemburg, bei einem Besuch lernte sie auch deren Katze Mimi kennen und beschreibt, wie ihr zerrissenes Kleid von Rosa Luxemburg geflickt wurde. Deren «Briefe aus dem Gefängnis» und die Ermordung haben sie stark berührt. In Weimar studierte Susi Schutz Musik und lernte den St. Galler Musiker und Komponisten Max Haefelin kennen. Als die Nationalsozialisten stärker wurden, entschloss sich das Ehepaar, mit der kleinen Tochter in die Schweiz zu ziehen, Max Haefelin fand eine Stelle als Musiklehrer an der damaligen Mädchensekundar- und Töchterschule Talhof. Wohnungssuche, Organisation des Familienalltags, Einleben in ein Land anderer Geschichte und Verstehen eines fremden Dialekts blieben allein Susi Haefelin überlassen, da ihr Mann «durch und durch Künstler und Musiker war, dem realen Leben weder gewachsen, noch sonderlich an ihm interessiert». Das Verhalten der EidgenossInnen während des Zweiten Weltkrieges sah Susi Haefelin geradezu idealistisch: «… dieser stille, schlichte, ja nüchterne Ernst, mit dem alles getan wird, weil und wenn es notwendig ist.» Einzig die Panik im Mai 1940 wurde von ihr kritisiert. Während der jahrzehntelangen Krankheit ihres Mannes und nach dessen Tod fand sie ein Gegengewicht in der Arbeit. Sie unterrichtete Musik und wurde zu einer beachteten und geachteten Musik- und Theaterkritikerin. Ihre Artikel wurden in der «Volksstimme», der «Ostschweiz», den «Basler Nachrichten » und der «NZZ» veröffentlicht.
Zitate: Susi Haefelin, Sabines Weg nach St.Gallen. Drei Stationen meines Lebens. Verlag Leo-Buchhandlung, St. Gallen. o.J.
Maya Huber vereinte in ihrem engagierten Leben Musisches mit öffentlichem und privatem Wirken. Während ihrer Ausbildung zur Telefonistin bei der damaligen PTT zwischen 1952 und 1955 und darüber hinaus bis zur Geburt des ersten von drei Kindern engagierte sich Maya Huber im Frauenhilfsdienst (FHD). Gleichzeitig war sie über viele Jahre Mitglied in verschiedenen Orchestern und musikalischen Ensembles. Später griff Maya Huber die Musik auch als Politikerin auf und machte die Institutionalisierung der Musikschule St. Gallen zu ihrem politischen Anliegen. Sie initiierte in der ersten von zwei Amtsdauern (1972–1976 bzw. Rest der Amtsdauer 1977–1980) als Mitglied des Schulrates der Stadt St. Gallen deren Gründung. Dazu arbeitete sie 1976 im Rahmen einer Motion für einen erweiterten Musikunterricht auf der Volksschule einen Antrag aus. Als ausgebildete Blockflötenlehrerin unterrichtete sie über 17 Jahre an der Musikschule St. Gallen. Auch in einem kirchlichen Gremium war Maya Huber als Mitglied des 1968 neu geschaffenen Seelsorgerates eine Frau der ersten Stunde. Mit derselben Leidenschaft, wie Maya Huber sich der Musik zuwandte, war sie engagierte Kämpferin für das Frauenstimmrecht. Sie arbeitete in der sanktgallischen Sektion der Staatsbürgerlichen Vereinigung Katholischer Schweizerinnen (STAKA) mit, die sie in den 1960er Jahren präsidierte. In dieser Zeit hatte sie ebenfalls rege Kontakte zur Arbeitsgemeinschaft der schweizerischen Frauenverbände für die politischen Rechte der Frau. Es fällt auf, dass Maya Huber als bürgerliche Frau und Vertreterin der CVP im Hinblick auf die Abstimmung zum Frauenstimmrecht 1970/71 überzeugende Voten und Vorträge an Pressekonferenzen hielt, auch oder gerade aus Sicht einer Hausfrau. Als Mutter verband sie das Private mit dem Öffentlichen und klebte 1971 ihrem Sohn, der damals ein Primarschüler war, einen Werbekleber «Ja zum Frauenstimmrecht» auf den Schultornister. Zu Beginn der 1970er Jahre beteiligte sie sich aktiv an der Umwandlung der STAKA in eine politische Frauengruppe der CVP, der heutigen kantonalen CVP-Frauen, der sie ebenfalls als deren zweite Präsidentin vorstand. (Verfasserin: Esther Vorburger-Bossart)
Eugénie Meyer-Perlmann (1905–1974)
Am 13. Mai 1905 wurde Eugénie dem Ehepaar Hermann und Laura Perlmann-Leisorowitsch als zweite Tochter geboren. Die Eltern, beide russisch-jüdischer Herkunft, waren in den 1890er Jahren im Zuge der russischen Judenverfolgungen in die Schweiz emigriert und liessen sich 1903 in Krinau SG einbürgern. Eugénie besuchte in der Stadt St. Gallen die Schulen bis zur Matura und studierte danach an der Handelshochschule St. Gallen bis zum Diplom. Möglicherweise hat ein Gerichtsprozess, ein Ehrverletzungsprozess, den Vater Hermann im Jahr 1924 gegen einen der übelsten Antisemiten anstrengte, Eugénie nachhaltig beeindruckt. Sie entschloss sich nämlich, Jurisprudenz zu studieren, und immatrikulierte sich 1927 an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich. 1931 schloss sie ihr Studium mit dem Doktorexamen ab, mit einer Dissertation zum Thema «Die boshafte Vermögensschädigung». Mit dem Erwerb des Anwaltspatentes begann sie in der Rechtsanwaltskanzlei Sennhauser, der im genannten Prozess ihren Vater vertreten hatte, zu arbeiten. Sie wurde ebenbürtige Partnerin der beiden anderen Rechtsanwälte, und im Telefonbuch stand zu lesen: «Rechtsanwälte Dr. A. Sennhauser, Dr. A. Güntensperger und Dr. Eugénie Meyer». Ihren späteren Ehemann, Robert Meyer aus Basel, ein erfolgreicher Rechtsanwalt in Zürich, lernte sie bereits im Studium kennen, doch wollte sie nie in dessen Kanzlei arbeiten. Sie hatte ihren Lebensmittelpunkt in St. Gallen, er in Zürich. Gelebt wurde die Ehe am Wochenende, da traf man sich in Rapperswil. Viele lästerten über dieses Ehemodell, andere bewunderten es unverhohlen. Eugénie war das einzige weibliche Mitglied des St. Gallischen Anwaltsverbandes und bestand darauf, bei Rundschreiben an die Mitglieder als «liebe Kollegin» angeschrieben zu werden, und nicht nur bei «liebe Kollegen» mitgemeint zu sein. Und dies lange bevor mit der feministischen Linguistik der Ruf nach der Verwendung von weiblichen Endungen laut wurde! Eugénie war eine resolute Rechtsanwältin, die ihre Meinung ohne Wenn und Aber vertrat. So soll sie einmal im Kantonsgericht, als sie ein Plädoyer hielt, plötzlich innegehalten haben, als sie bemerkte, dass die Richter ihr nicht zuhörten und stattdessen miteinander plauderten. Die plötzliche Stille wurde vom Präsidenten bemerkt und er fragte sie, ob sie schon fertig sei. Nein, soll sie geantwortet haben, sie werde erst weiterfahren, wenn ihr die Herren Richter wieder ungeteilte Aufmerksamkeit zollten! Sie war eine zierliche, elegante Frau von jugendlicher Erscheinung, unkompliziert im Umgang. Sie interessierte sich sehr für Frauenfragen und engagierte sich auch politisch, so in der sozialdemokratischen Frauengruppe. Sie soll es verstanden haben, auch einem Laienpublikum «das Recht» nahezubringen, indem sie gelegentlich bei Versammlungen spannende Vorträge zu ausgewählten Themen hielt. Auf Grund ihrer starken Nikotinabhängigkeit erlitt sie gegen Ende der 1960er Jahre einen ersten Schlaganfall, von dem sie sich noch einigermassen erholte. Jedoch folgten weitere, sodass sie pflegebedürftig wurde. Sie zog zu ihrem Mann Robert nach Zürich, der sie liebevoll pflegte, bis sie am 19. Januar 1974 von ihrem jahrelangen Leiden erlöst wurde. Er folgte ihr ein paar Stunden später in den Tod nach, weil er ohne sie nicht mehr leben wollte. (Verfasserin: Erika Eichholzer)
Olga Rüesch, geboren 1901 in St. Margrethen, studierte Psychologie an der Columbia-Universität in den USA. Dort lernte sie ihren Mann, einen chinesischen Professor, kennen, mit dem sie 1924 nach Peking zog. In den folgenden Jahren erlebte sie die revolutionäre Aufbruchstimmung in Peking, wo sie am Fremdspracheninstitut Deutsch und Englisch lehrte. Als die Japaner 1937 Peking besetzten, reiste ihr Mann zurück in die USA, sie blieb mit ihren drei Kindern in Peking und sollte später nachkommen. Inzwischen brach der Zweite Weltkrieg aus. Ihrem Mann war es erst danach möglich zurückkehren, um sie und die Kinder in die USA zu holen. Sie entschied sich aber für das Bleiben und lebte mit ihren Kindern in einem alten Hofhaus in der Nähe der verbotenen Stadt, wo sie auch von vielen Chinareisenden besucht wurde. Olga Lee liess sich 1954 scheiden und nahm ihren Namen Olga Rüesch wieder an. In Peking unterrichtete sie an verschiedenen Instituten Deutsch und Englisch, ihr Fach Psychoanalyse betrieb sie am amerikanisch geführten Peking Union Medical College. Sie schrieb zahlreiche Artikel für Zeitschriften in Amerika aber auch der Schweiz, unter anderem für das China- Bulletin, und führte eine weitreichende Korrespondenz mit Freunden und Bekannten in der ganzen Welt. In den Anfängen der Gründung der Volksrepublik China war sie von der Revolution begeistert. Auch sie blieb nicht von der Kulturrevolution 1966-1969 verschont wie viele andere Intellektuelle auch: Sie wurde eingesperrt, tagelang verhört und geschlagen. In den letzten Jahren nahm sie zunehmend eine kritische Haltung gegenüber der chinesischen Regierung ein, was die Korruption, die steigenden Preise bei gleichem Lohn und anderes betraf. Sie starb 1990 mit 89 Jahren in Peking.
Quellen: CHINA 3/4, 1990; Dossier AFGO.044 F:RUES O im Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz.
Marguerite Müller-Henrici (1885–1975)
Marguerite trat 1912 als 27-Jährige in Luzern den Dominikanerinnen des Dritten Ordens bei und wählte den geistlichen Namen Sr. M. Catherina. Unter ihrer Leitung entstand 1916 in St.Gallen die Säkulargemeinschaft der Caritasschwestern. Dadurch gelang es ihr die beiden Lebensformen Ehe und geistlichen Stand zu vereinen. Bereits ein Jahr später gründete sie mit einer kleinen Caritasschwesterngemeinschaft in Zürich ein Kinderheim für Kinder von Hotelangestellten, den späteren Werdgarten. Aufgrund von Differenzen mit dem zuständigen Pfarrer, der den Werdgarten eigenmächtig verwalten wollte, eröffnete Müller 1920 in St. Gallen ein neues Kinderheim, das Vinzentiusheim an der Flurhofstrasse 56, das sie bis in die 1940er Jahre leitete. Initiativ war sie auch auf einem anderen Gebiet: 1928 eröffnete sie dort zusätzlich eine Pflegerinnenschule, die 1943 vom Bund Schweizerischer Wochen- und Säuglingspflegerinnen anerkannt wurde. Mitte der 1940er Jahre fehlte es an Nachwuchs unter den Schwestern. Die Caritasschwestern suchten Anschluss an das grössere Säkularinstitut der St. Katharina-Schwestern in Basel, das ab 1946 zugleich das «Vinziheim» mit der Pflegerinnenschule sowie den 1930 ebenfalls von Müller gegründeten «Fernblick» in Teufen, das damalige Müttererholungsheim, übernahm. Der 1955 erstellte Neubau erhielt den neuen Namen Kinderheim Birnbäumen. 1984 ging das Heim an eine neue Trägerschaft der CP-Schule über, da es auch den St. Katharina-Schwestern an Nachwuchs fehlte. Marguerite Müller-Henrici selber verbrachte die letzten Jahrzehnte ihres Lebens aus gesundheitlichen und religiösen Gründen klausurähnlich in ihrem Ferienhaus in Teufen.
Franziska Aloisia Ochsner (1827–1896)
Franziska Aloisia Ochsner wurde mitten im Kulturkampf zur Äbtissin des Klosters Magdenau gewählt. Unter ihrer Regentschaft vermehrte sich der Konvent um mehr als das Doppelte von 19 Schwestern beim Antritt ihres Amtes 1874 auf 40 Schwestern am Amtsende 1896. Ebenfalls ganz im Zeichen des katholischen Konservatismus dieses konfessionellen Zeitalters stand neben der quantitativen Erstarkung des Klosters die Besinnung auf ein strenger gehaltenes Gemeinschaftsleben. 1878 verpflichtete sich der Konvent unter Äbtissin Franziska Aloisia zur vermehrten Schweigepflicht. 1883 folgte die Einführung der unbedingten Klausur, die unter anderem den Zutritt von Verwandten in die Schwesternzellen sowie die beiden bisher den Schwestern erlaubten grösseren Spaziergänge im Frühjahr und im Herbst untersagte. Zur verschärften Klausur gehörte auch die Abschaffung des peculiums, ein kleiner bei der Klosterleitung hinterlegter Geldbetrag, welche die Schwestern noch verstärkter zum Armutsgelübde führen sollte. Unter dieser Regeländerung durften die Schwestern die sechs Dutzend Kräpfli, welche sie jeweils zum Klaustag erhielten und bei Bedarf oder Wunsch weiterverkaufen konnten, nicht mehr in einen persönlichen kleineren Geldbetrag umwandeln. Darunter fielen auch selbst gefertigte Handarbeiten. Aufgrund der Einführung der strengen Klausur wurde Franziska Aloisia vom Abt des Vaterklosters von Magdenau, Wettingen-Mehrerau, erlaubt, als Verdienst- und Gedenkzeichen ein goldenes Brustkreuz zu tragen. Im Nachruf werden insbesondere die aus heutiger Sicht rigiden Entscheidungen dieser Amtszeit gewürdigt, die aber wohl nötig und für diese Zeit richtig waren, um das Kloster Magdenau ins 20. Jahrhundert zu führen: Franziska Aloisia habe «das Kloster in geistlicher und weltlicher Beziehung zu nie dagewesener Höhe» erhoben. (Verfasserin: Esther Vorburger-Bossart)
Die Architektin Berta Rahm baute 1951 in Hallau Schaffhausen den Nägeliseehof, einen für die damalige Zeit topmodernen Bauernhof. Der Hof zeichnete sich durch sein spezielles Offenstallungssystem aus. Der Bau erregte grosses Aufsehen, so dass aus ganz Europa Besucher anreisten. Berta Rahm wurde am 4. Oktober 1910 in St. Gallen geboren. Unter dem Einfluss ihres Onkels Arnold Meyer, der in Hallau ein erfolgreiches Architekturbüro betrieb, studierte sie von 1929 bis 1934 als eine der ersten Frauen Architektur an der ETH Zürich. Nach ihrem Studium bereiste sie mehrmals Skandinavien, wo sie sich von der skandinavischen Architektur inspirieren liess. Auch das emanzipierte Leben der Frauen in den skandinavischen Ländern beeindruckte sie nachhaltig. Darüber verfasste sie ein Buch mit eigenen Zeichnungen, das 1942 in der Büchergilde Gutenberg erschien. 1934 hatte sie ihr Architekturbüro in Zürich eröffnet. Sie baute neben dem Nägeliseehof, mehrere Einfamilien und Ferienhäuser, einen der Ausstellungspavillons an der SAFFA 1959 (Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit) und renovierte Häuser und Wohnungen. Sie beteiligte sich immer wieder erfolglos an Wettbewerben für öffentliche Gebäude. Sie litt schwer unter den ihr in den Weg gelegten Hindernissen und schloss 1966 resigniert ihr Architekturbüro. In ihrem zweiten Beruf gründete sie den ALA-Verlag und wurde Verlegerin. Berta Rahm hatte als erste die Idee, klassische, und inzwischen vergessene, feministische Texte neu herauszugeben und verlegte nach 1967 unter anderem Flora Tristan, Mary Wollstonecraft und Hedwig Dohm wie auch Bücher zur Geschichte der Frauen in Neuauflagen. Zu jedem der von ihr publizierten Bücher schrieb sie ein instruktives Vor- oder Nachwort. Im Verlag arbeitete sie bis ins hohe Alter.
Quellen: Evelyne Lang, Les premières femmes architectes de suisse, Genf 1993. Evelyne Lang Jakob, The Life and Work of Berta Rahm (1910-1998), in: IAWA Newsletter Nr. 11, 1999.
Hanni Rauh ist schwer zu beschreiben. Verheiratet mit einem überzeugten Marxisten, wandte sie sich der Father Divine's Friedensmission zu, einer amerikanischen Freikirche, die glaubt, das Reich Gottes werde noch zu unseren Lebzeiten anbrechen, und blieb bis zu ihrem Tode dabei. Zuhause trug sie Sandalen, ausser Haus sah ich sie nie ohne einen eleganten Hut. Aus einem betont christlichen, bürgerlichen Elternhaus stammend, liess sie sich an der neu gegründeten Sozialen Frauenschule in Zürich zur Erzieherin ausbilden. Sie wurde Krippenleiterin in Zürich, verkehrte im Hause von Leonhard Ragaz und begeisterte sich für Idee des religiösen Sozialismus. Um sich konkret für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einzusetzen, arbeitete sie während sechs Jahren als ungelernte Arbeiterin in den Schuhfabriken Löw und Bally in Oberach und Schönenwerd. Ihr Fazit: «Obschon die Arbeit, nachdem man die nötige Übung und Geschicklichkeit erreicht hat, nichts mehr von unserem Verstande fordert, so muss man sein ganzes Streben daran setzen, möglicht viel Arbeit zu bewältigen, um überhaupt von dem Lohne leben zu können. Da hört das Philosophieren bald auf.» Sie trat in die Sozialistische Jugend ein, lernte dort August Rauh kennen und heiratete 1932. August war gebürtiger Deutscher und verweigerte das Aufgebot in die Wehrmacht. Im letzten Moment gelang die Einbürgerung in Romanshorn, bevor die Familie staatenlos geworden wäre. Trotz schwerer Sorgen durch Arbeitslosigkeit des Mannes, Krankheit und schliesslich Tod des zweiten Sohnes, führten Hanni und August ein offenes Haus, halfen sozialistischen und jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland. Sie arbeiteten in der Abstinenzbewegung, bei den Kinderfreunden («Rote Falken») und waren aktive Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei. In ihrem Freundeskreis hatte es sowohl Antroposophen wie Kommunisten. Neben ihrem kämpferischen Gerechtigkeitssinn hatte Hanni eine zarte und poetische Seite. Sie spielte täglich auf einer alten Hausorgel und sang mit Freude. Sie liebte die Musik von J.S. Bach, die Werke von van Gogh und Rodin. Zwei Wochen vor ihrem Tod sagte sie: «Weisst du, je älter man wird, desto mehr freut man sich am Frühling und an den Blumen.» «Ich wünsche mir, dass wir wie Hanni Rauh aus dieser Hoffnung (auf das kommende Reich Gottes) leben lernen. (…) Wo es kein Gerangel um Plätze mehr gibt, weil jeder seinen Platz hat. Wo niemand hungrig bleibt, weil für Leib und Seele gesorgt ist. Wo – nach den Worten der Offenbarung – kein Leid noch Geschrei mehr sein wird, sondern Friede und Freude für alle.» Zitat aus einer Trauerrede. (Verfasserin: Alexa Lindner Margadant)
Anna Sutter, 1871 als Tochter von Carl Suter (Chorassistent) und Mathilde Oetiker in Wil SG geboren, war um 1900 die unbestrittene Primadonna des Königlichen Hoftheaters Stuttgart. 1892 kam sie als Gast-Opernsängerin nach Stuttgart, um bis zu ihrem gewaltsamen Tod 1910 als gefeierte Sängerin am Hoftheater zu wirken. Dank ihrer schauspielerischen Begabung, verbunden mit Bewegungstalent und Bühnenpräsenz, fand sie über Jahre hinweg die Bewunderung der Opernbesuchenden. Bereits 1908 spielte sie Schallplatten ein. Als noch züchtige Kleidung vorherrschte, tanzte sie in «Salomé» in freizügigen Kleidern den Tanz der sieben Schleier. Ihrem Charme erlagen immer wieder Dirigenten des Hoftheaters. War die Affäre vorbei, mussten sie gehen, Anna Sutter hingegen blieb. Als Aloys Obrist 1907 Dirigent an der Oper wird, gehen er und Anna Sutter eine leidenschaftliche Beziehung ein. Warum Anna Sutter sich schliesslich von ihm abwandte, bleibt offen. Aber Aloys Obrist konnte diese Zurückweisung nicht ertragen und erschoss, nachdem er nochmals eine Absage erhalten hatte, zuerst Anna und dann sich selbst.
Quellen: Günther, Georg, Carmen – Letzter Akt, Die Künstlertragödie Sutter-Obrist von 1910 und die Stuttgarter Oper um 1900, Begleitband und Katalog zur Ausstellung des Staatsarchivs Ludwigsburg und des Stadtarchivs Stuttgart, Ludwigsburg 2003.
Günther, Georg, Es liegt Mord und Selbstmord vor – , Die Stuttgarter Künstlertragödie Obrist-Sutter von 1910, in: Musik in Baden-Württemberg, Jahrbuch 2000, Stuttgart 2000, S. 79–130.
Es war ihr vergönnt, dass sie noch vor ihrem Tod 1971, die Annahme des Frauenstimmrechts in der eidg. Abstimmung vom 7. Februar 1971 bewusst und mit grosser Genugtuung zur Kenntnis nehmen konnte. Laura Wohnlich arbeitete von 1895 bis 1933 als Lehrerin an der Mädchenschule im Blumenau-Schulhaus in St. Gallen. Besonders setzte sie sich viele Jahre für die Schülerinnen ihrer Spezial- und Förderklassen ein. Laura Wohnlich ist eine begnadete Lehrerin, eine «durch-und-durch-Lehrerin» gewesen, eine die ihren Beruf, ihre Arbeit und ihre Kinder liebte. Ausserdem kämpfte sie unermüdlich für Reformen im Schulwesen und in der Erziehung. In den 1920er Jahren trat sie beispielsweise für das Einklassensystem und für gleichen Lohn von Lehrern und Lehrerinnen ein, was ihr zahlreiche Schmähungen eintrug. Auch als langjährige Redaktorin (1913–1938) der Lehrerinnen-Zeitung nutzte sie ihre Position, um für Reformen im Schulbereich zu werben. Die Berichte zu ihren Reisen an pädagogische Kongresse in ganz Europa hatten das gleiche Ziel. Sie engagierte sich in der Union für Frauenbestrebungen und war eine zeitlang deren Präsidentin, sie war Mitglied des Aktionskomitees für das Frauenstimmrecht von 1929 und in der Vereinigung für Kinderund Frauenschutz und der Frauenzentrale. Nach ihrer Pensionierung zog sie 1937 nach Bühler/AR. Laura Wohnlich war eine überaus disziplinierte, engagierte, mutige und auch humorvolle Frau: Als die Frauenzentrale 1964 anlässlich ihrer 50-Jahr-Feier Laura Wohnlich die Ehrenmitgliedschaft vorschlug, lehnte sie erst dankbar ab mit den Worten: Eine solche Ehrenmitgliedschaft würde die Karriere der Präsidentin gefährden, wenn sie ihr, dem «enfant terrible und der früheren Stimmrechtlerin», die ein «alter Stein des Anstosses» sei, diese Ehre zuteil kommen lassen würde.